Warum Schmerzen ab 40 stärker werden können – Nervensystem, Stress, Vagus und Traditionelle Chinesische Medizin erklärt

Von Nathalie Sander | Heilpraktikerin für TCM, QiGong-Lehrerin, Gründerin von QiGong Renewal | Lesezeit: ca. 12 Minuten

Warum Schmerzen bei Stress, Erschöpfung und einem überlasteten Nervensystem stärker werden können — medizinisch erklärt mit Blick auf Schmerzverarbeitung, Regulation, QiGong und Traditionelle chinesische Medizin.

Schmerzen ab 40 entstehen oft nicht nur durch Fehlhaltungen, Muskeln, Gelenke oder Gewebe. Häufig wirken mehrere Ebenen zusammen: Nervensystem, Stress, Schlaf, hormonelle Veränderungen, Muskeltonus, Schmerzverarbeitung und Körperwahrnehmung – und ja: Unser Körper verändert sich ab 40.

Der Schmerz ist nicht eingebildet. Er ist real – aber seine Stärke hängt nicht immer direkt davon ab, wie stark letztendlich ein Gewebe geschädigt ist.

Kurz gesagt

Besonders Frauen ab 40 erleben oft, dass Rücken, Nacken, Schlaf, innere Unruhe, Erschöpfung und diffuse Schmerzen zusammenhängen. Moderne Schmerzmedizin erklärt das über Schmerzverarbeitung, zentrale Sensibilisierung und autonome Regulation. Die Traditionelle Chinesische Medizin beschreibt ähnliche Muster über Begriffe wie Qi-Stagnation, Nieren-Yin-Mangel und Shen-Unruhe.

Chinesische Bewegungskunst – QiGong – kann hier ein sinnvoller körperlicher Zugang sein: kein Ersatz für ganzheitliche Therapie, sondern eher eine ruhige, wiederholbare Körperpraxis, die Atem, Wahrnehmung, langsame Bewegung und Regulation nachhaltig verbinden kann.

QiGong verbindet Stand, Atem, Wahrnehmung und langsame Bewegung – ein körperlicher Zugang zu mehr Regulation.

Wer schreibt hier – und für wen?

Ich bin Nathalie Sander – Heilpraktikerin für Traditionelle Chinesische Medizin mit Ausbildung in Akupunktur, Ernährung, Kräuterheilkunde und Tuina, QiGong-Lehrerin und Gründerin von QiGong Renewal.

Seit über sechs Jahren arbeite ich als QiGong-Lehrerin mit Frauen, deren Körper Signale sendet, für die das Standardprogramm nicht mehrreicht. Mein Schwerpunkt liegt auf Stressregulation, Schmerz und Körperwahrnehmung – und auf der Verbindung von moderner Neurophysiologie mit dem, was die TCM seit Jahrhunderten über Fluss, Stagnation und innere Regulationsfähigkeit beschreibt.

Diese Arbeit ist auch persönlich. Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, wenn der Kopf nicht mehr mein Verbündeter ist und sich weigert mitzutragen. Meine eigene Burnout-Erfahrung hat geprägt, wie ich heute über Schmerz, mentale Erschöpfung und Regulation denke – und warum ich QiGong nicht als Wellness-Trend vermittle, sondern als präzise Körperpraxis für überlastete Nervensysteme.


Viele Frauen ab 40 kennen diesen Moment

Der Rücken zieht wieder mehr. Der Nacken ist fest. Der Schlaf wird leichter. Körper und Geist sind erschöpft – und gleichzeitig innerlich nicht ruhig. Vielleicht kommen perimenopausale Beschwerden dazu: Hitzewellen, Stimmungsschwankungen, innere Unruhe, weniger Belastbarkeit – bei deutlich höheren Anforderungen, als ein menschliches System tragen kann.

Vielleicht wurde medizinisch nichts Dramatisches gefunden und es lässt sich nicht vollständig erklären, warum der Schmerz an manchen Tagen so penetrant ist. Du vermutest schon lange: Stress, Schlafmangel, Anspannung und Schmerz hängen irgendwie zusammen – aber niemand hat es dir bisher wirklich verständlich erklärt.

Lass es uns ganzheitlich betrachten. Ein wichtiger Punkt der modernen Schmerzmedizin ist:

Schmerz ist nicht nur eine Frage des Gewebes. Schmerz ist auch eine Frage der Verarbeitung im Nervensystem.

„Da ist nichts, es ist nur psychisch.“ Das habe ich oft gehört und musste einsehen: Schmerzstärke ist nicht immer ein direkter Messwert für Gewebeschaden.


Schmerz darf ernst genommen werden

Bevor wir über Nervensystem, Stress und Schmerzverarbeitung sprechen, ist eines wichtig:

Neue, starke, zunehmende oder ungeklärte Schmerzen gehören medizinisch abgeklärt – besonders dann, wenn sie plötzlich auftreten, ungewöhnlich stark sind oder mit Warnzeichen verbunden sind.

Mögliche Warnzeichen sind zum Beispiel:

  • Fieber
  • Taubheit oder Lähmungserscheinungen
  • Blasen- oder Darmprobleme
  • unerklärlicher Gewichtsverlust mit Nachtschweiß
  • starke Bauchschmerzen
  • Atemnot oder Brustschmerz
  • Schmerzen nach Unfall oder Sturz
  • Schmerzen, die nachts stark zunehmen oder nicht erklärbar sind

Der Blick auf das Nervensystem und die TCM ersetzt keine Diagnostik. Aber er soll etwas ergänzen, das mir damals in der Schmerzbetrachtung sehr gefehlt hat: die Frage, wie dein Körper Reize verarbeitet, bewertet und reguliert.


Was Schmerz medizinisch bedeutet

Die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes definiert Schmerz als ein unangenehmes sensorisches und emotionales Erleben, das mit tatsächlicher oder möglicher Gewebeschädigung verbunden ist – oder einem solchen Erleben ähnelt.

Schmerz kann mit Gewebeschädigung verbunden sein. Aber Schmerz ist kein objektiver Messwert dafür, wie stark ein Gewebe geschädigt ist.

Das erklärt, warum zwei Menschen mit ähnlichem Befund sehr unterschiedliche Schmerzen haben können. Und warum Schmerzen manchmal stärker werden, obwohl sich im Gewebe nicht automatisch „mehr Defekt“ verändert hat.


Nozizeption und Schmerz: der wichtige Unterschied

Nozizeptoren sind spezialisierte freie Nervenendigungen. Sie nehmen potenziell schädigende Reize auf – zum Beispiel Druck, Hitze, Entzündungsstoffe oder Gewebereizung. Diese Signale werden über Nervenbahnen zum Rückenmark und Gehirn weitergeleitet.

Einfach gesagt:

BegriffBedeutung
NozizeptionReizaufnahme und Weiterleitung potenziell schädigender Signale
Schmerzbewusstes Erleben, Bewertung und Schutzreaktion durch Verarbeitung im Nervensystem

Das ist entscheidend. Denn nicht jede Reizmeldung wird Schmerz.


Drei Schmerzmechanismen – ein ehrlicher Überblick

1. Nozizeptiver Schmerz

Nozizeptiver Schmerz entsteht durch tatsächliche oder drohende Gewebeschädigung – zum Beispiel bei Verletzung, Entzündung oder Überlastung. Schmerz hat hier eine Schutzfunktion: Er bremst, macht aufmerksam und schützt vor weiterer Belastung.

2. Neuropathischer Schmerz

Neuropathischer Schmerz entsteht durch Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems selbst. Typisch können brennende, elektrisierende oder einschießende Beschwerden sein. Die Ursache liegt dann nicht primär im Muskel oder Gelenk, sondern im Nervensystem.

3. Noziplastischer Schmerz

Noziplastischer Schmerz entsteht durch veränderte Schmerzverarbeitung – ohne klare Evidenz für Gewebeschädigung oder Nervenschädigung. Das Nervensystem verarbeitet Reize anders: empfindlicher und schützender.

Dieser Mechanismus wird bei längeren, wiederkehrenden oder schwer erklärbaren Schmerzen zunehmend relevant.


Warum ein überlastetes Nervensystem Schmerzen lauter machen kann

Erst kommt der chronische Stress, oft macht er den Schlaf leichter. Dann steigt die Grundspannung. Der Kiefer bleibt fester. Nacken und Schultern lösen sich schlechter. Der Rücken reagiert schneller auf langes Sitzen, Stress oder Belastung. Gelenke und Muskeln fühlen sich morgens steifer an. Und obwohl der Körper müde ist, bleibt das Nervensystem innerlich wach und unruhig.

Dieses Muster beschreibt, was Schmerzmedizin und Midlife-Forschung zunehmend zeigen: Schmerz entsteht nicht nur im Gewebe, sondern auch in der Verarbeitung. Diese Verarbeitung kann durch Schlafmangel, chronischen Stress, hormonelle Übergänge und dauerhafte Alarmbereitschaft eines konditionierten Nervensystems empfindlicher werden.

In der Fachsprache spricht man unter anderem von zentraler Sensibilisierung.

Das zentrale Nervensystem reagiert empfindlicher auf Reize. Reize, die früher weniger bedrohlich wirkten, werden stärker wahrgenommen. Die Schmerzschwelle sinkt.

Ein Bild hilft:

Das Nervensystem wird wie ein Rauchmelder, der zu empfindlich eingestellt ist. Er meldet ständig, weil die Warnschwelle gesunken ist, obwohl es noch nicht brennt.


Vagusnerv, Polyvagaltheorie und warum das für Schmerz relevant sein kann

Hier wird es konkreter – dieser Punkt fehlt in vielen Schmerzerklärungen.

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv des Körpers. Er verbindet unter anderem Hirnstamm, Herz, Lunge und Verdauung und ist ein wichtiger Teil des autonomen Nervensystems, also eines Nervensystems, das wir nicht willkürlich steuern können.

Die Polyvagaltheorie nach Stephen Porges beschreibt das autonome Nervensystem nicht nur als Wechsel zwischen „Stress“ und „Entspannung“, sondern als ein System unterschiedlicher Zustände:

ZustandErleben im Körper
Ventral-vagale RegulationSicherheit, soziale Verbindung, Präsenz, Erholung
Sympathische AktivierungMobilisierung, Kampf oder Flucht, Anspannung
Dorsal-vagale SchutzreaktionErstarrung, Rückzug, Kollaps, Abschalten

Als Modell kann diese Theorie zwar keine Traumatherapie ersetzen, der Ansatz ist aber sehr gut für körperliche Ansätze praktikabel und vermittelt ein vereinfachtes Verständnis dafür, warum ein Körper nicht einfach „entspannt“, nur weil der Kopf weiß, dass alles gut ist.

Was das mit Schmerz zu tun hat:

Wenn ein Nervensystem dauerhaft in hoher Aktivierung bleibt und nur schwer in Ruhe zurückfindet, kann die Schmerzschwelle sinken. Muskeltonus, Atmung, Schlaf, Aufmerksamkeit und Schmerzverarbeitung verändern sich.

Somatische Übungen (Soma = Körper) stellen einen tollen und schnellen Weg dar, dem Nervensystem über den Körper – nicht nur über die Psyche – beruhigende und entspannende Signale zu vermitteln.

Bottom-up statt nur top-down.

Das bedeutet: „Entspanne dich“ in der Meditation ist oft nicht der Anfang. Stattdessen ist es sinnvoll, zustandsorientiert zu hinterfragen: Benötigt mein System erst mehr Entspannung oder bin ich zu erschöpft und brauche sanfte Aktivierungsimpulse an das Nervensystem? Nicht nur durch Nachdenken oder Willenskraft regulieren, sondern durch körperliche Signale, die dem Nervensystem Sicherheit, Rhythmus und Orientierung vermitteln können.

Dazu gehören bestimmte Bewegungen und Reihenfolgen, mit denen wir über das Nervensystem kommunizieren. Grob lässt sich das so zusammenfassen:

  • langsame Bewegung
  • Orientierung im Raum
  • visuelle Impulse
  • Rhythmus
  • Gleichgewicht

Aus neurophysiologischer Perspektive kann QiGong deshalb als somatische Praxis verstanden werden: eine ruhige Körperarbeit, die über Atem, Bewegung, Rhythmus und Wahrnehmung Regulationsprozesse unterstützt. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele neurozentrierte Impulse im QiGong eigentlich enthalten sind.

Vagusnerv und sein anatomischer Verlauf – der längste, parasympathische Hirnnerv im Körper.

Warum Stress Schmerzen verstärken kann

Stress und Schmerz wirken sich negativ auf unsere Gedanken aus.

Dauerstress kann den Muskeltonus erhöhen – die Muskulatur ist tendenziell verspannter –, die Atmung flacher werden lassen und den Körper in höherer Wachsamkeit halten. Auch Aufmerksamkeit und Gefühle können das Schmerzempfinden verstärken oder abschwächen.

Es bedeutet: Schmerz ist ein körperlich-emotionales Erleben. Deshalb kann ein Schmerz nach einer schlechten Nacht stärker sein oder in einer stressigen Woche zunehmen, weil dein Nervensystem weniger Kapazität hat, Reize zu regulieren.


Warum Dehnen, Rollen und Drücken manchmal nicht ausreichen

Mehr dehnen, mehr rollen, mehr massieren – all das kann sinnvoll sein. Bewegung, Mobilisation, Kräftigung und Physiotherapie sind die wichtigsten Bausteine. Aber wenn Spannung nicht nur mechanisch entsteht, sondern Schutzfunktion hat, reicht ein rein mechanischer Ansatz manchmal nicht aus.

Wenn dein Nervensystem auf Schutzspannung steht, hält der Körper Spannung nicht aus Versehen. Er hält sie, weil er Stabilität und Sicherheit sucht. Dann wird Spannung nicht nur ein Muskelproblem – sondern auch ein Schutz- und Stabilitätsprogramm. Daher ist nachhaltige Regulation wichtig.


Was Regulation wirklich bedeutet

Regulation wird oft missverstanden. Regulation bedeutet nicht, dass du immer ruhig, weich und entspannt sein musst. Ein gut reguliertes Nervensystem kann aktivieren und wieder herunterfahren. Es kann Spannung aufbauen und lösen. Es kann also auf Anforderungen von außen flexibel reagieren, ohne dauerhaft im Alarmzustand zu bleiben.

Regulation bedeutet: flexibler Wechsel zwischen Aktivierung und Erholung.

Bei vielen erschöpften Frauen ab 40 geht diese Flexibilität verloren – durch Prägungen des Nervensystems aus der Kindheit, Reaktionsmuster, Ängste, Frust und Trauer. Ein dysreguliertes Nervensystem benötigt selten noch mehr kognitive Leistung. Wiederholbare körperliche Erfahrung hingegen wird oft als Wohltat erlebt.


Die TCM-Perspektive: Wenn Qi stockt – drei Muster, die Frauen ab 40 kennen

In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist Schmerz kein isoliertes körperliches Problem. Er wird häufig als Zeichen von Stagnation verstanden. Der klassische Grundsatz lautet:


„Tong ze bu tong – bu tong ze tong.“
Freier Fluss bedeutet: kein Schmerz. Kein freier Fluss bedeutet: Schmerz.


Hinter dieser Aussage steckt ein System, das Körper, Emotion und Regulation eng miteinander verbindet – und das gerade für Frauen ab 40 sehr konkrete, erkennbare, typische Muster beschreibt.

Die TCM beschreibt Schmerz nicht nur als Blockade, sondern auch als Zeichen fehlender Nährung: Wo Qi und Blut nicht frei fließen oder Gewebe nicht ausreichend versorgt wird, kann Schmerz entstehen.

Muster 1: Leber-Qi-Stagnation – das klassische Stressmuster

In der TCM ist die Leber der Funktionskreis, der für den freien Fluss von Qi und Blut zuständig ist. Wenn „die Leber“ durch Frust, Wut, Stress, unterdrückte Gefühle oder Schlafmangel belastet wird, kann der Fluss der Vitalenergie im Körper stocken.

Typische Zeichen einer Leber-Qi-Stagnation können sein:

  • Spannungsschmerzen in Nacken, Schultern, Brust oder unter den Rippen
  • Kiefer, der sich nicht löst
  • Schmerzen, die sich bei Stress verschlimmern und bei Bewegung etwas bessern
  • Stimmung, die schnell kippt
  • das Gefühl: „Alles stockt gerade.“

Die mögliche westliche Entsprechung: erhöhter Muskeltonus, sympathische Überaktivierung, weniger Erholung, veränderte Schmerzverarbeitung.

Aus TCM-Sicht ist die Leber dem Element Holz zugeordnet – dem Frühling, der Bewegung nach außen und oben, dem Wachstum. Wenn Holz sich nicht entfalten kann, entsteht innerer Druck. Wenn Qi-Vitalenergie nicht fließt, entsteht Spannung, und diese kann den Schmerz verstärken.


Muster 2: Nieren-Yin-Mangel – die erschöpfte Wurzel

Ab etwa 40 verändert sich aus TCM-Sicht ein weiteres zentrales Muster: Das sogenannte Nieren-Yin kann schwächer werden.

Die Nieren gelten in der TCM als tiefste Energiereserve (Organe in der TCM sind als funktionelle Muster zu verstehen und entsprechen nicht direkt den anatomischen Organen der Medizin) – die Wurzel von Yin und Yang, von Ruhe und Kraft, von Knochen, Mark und dem sogenannten Jing, der Essenz.

Wenn das Nieren-Yin nachlässt, was physiologisch mit dem Alter passiert, fehlt dem System eine kühlende, nährende und stabilisierende Grundlage.

Typische Zeichen können sein:

  • leichterer, unruhigerer Schlaf
  • innere Wärme, besonders abends oder nachts
  • Erschöpfung, die durch Schlaf allein nicht verschwindet
  • Gelenke, die sich trockener oder steifer anfühlen
  • das Gefühl: „Ich bin nicht mehr so belastbar wie früher.“

Aus westlicher Sicht berühren diese Erfahrungen Themen wie hormonelle Veränderungen, veränderte Schlafarchitektur, Gewebebelastbarkeit und perimenopausale Erschöpfung.

Zwei Sprachen – ein gemeinsames Erleben.


Muster 3: Herz und Shen – wenn dein Bewusstsein keinen Anker findet

In der TCM beherbergt das Herz unser Bewusstsein – den Shen, die Bewusstseinspräsenz und das emotionale Zentrum.

Wenn „Nieren-Yin“ und „Herzblut“ nicht ausreichend vorhanden sind, kann das Herz-Feuer leichter aufsteigen. Ein klassisches Muster ist die Disharmonie von Niere und Herz: Das Wasser kühlt das Feuer nicht mehr ausreichend.

Typische Zeichen können sein:

  • Einschlafprobleme oder frühmorgendliches Erwachen
  • innere Unruhe oder Herzklopfen
  • intensive Träume oder nicht erholsamer Schlaf
  • Reizbarkeit ohne klaren Auslöser
  • das Gefühl, innerlich nicht zur Ruhe zu kommen, obwohl der Körper erschöpft ist

Aus neurophysiologischer Sicht könnte man sagen: Das Nervensystem findet nicht zuverlässig in einen Zustand von Sicherheit, innerer Ruhe und Erholung zurück.


Wenn alle drei Muster zusammenkommen

Das Besondere an der Lebensmitte ist, dass oft mehrere Prozesse gleichzeitig präsent sind:

Wenn das Yin – die kühlende, nährende Basis – schwächer wird, hat das Qi, die Vitalenergie, weniger ruhigen Anker. Es kann aufsteigen, stagnieren und Druck erzeugen.

Die westliche Neurophysiologie würde sagen: Ein Nervensystem ohne ausreichende Erholung und Regeneration verliert schrittweise flexible Regulationsfähigkeit. Die Warnschwelle sinkt.

Zwei Sprachen – ein Muster.


Warum langsame Bewegung dem Nervensystem helfen kann

Langsame, rhythmische Bewegung verbindet mehrere Signale gleichzeitig:

  • Körperwahrnehmung
  • Atmung
  • Gleichgewicht
  • Orientierung
  • Rhythmus
  • Aufmerksamkeit
  • Muskeltonus
  • sicheres Spüren

QiGong und Tai Chi gehören zu den sogenannten Mind-Body-Übungen. Studien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass solche Übungsformen bei chronischen Schmerzen – besonders im Bereich Rücken und Wirbelsäule – positive Effekte auf Schmerz, psychologische Faktoren und Lebensqualität haben können.

Wichtig: Es zeigt, dass ruhige, körperorientierte Praxis ein sinnvoller Baustein sein kann, wenn Schmerz, Stress, Schlaf und Nervensystem zusammenhängen.


Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst

Schmerz ist real – auch dann, wenn kein dramatischer Befund gefunden wurde. Auch dann, wenn Stress eine Rolle spielt und wenn das Nervensystem beteiligt ist.

Ein überlastetes Nervensystem macht Schmerz nicht „psychisch“, kann aber biologisch wahrscheinlicher machen, dass du ihn lauter oder schwerer regulierbar wahrnimmst.

Wie verarbeitet mein Nervensystem diese Signale gerade?
Wie gut kann mein Körper zwischen Aktivierung und Erholung wechseln?
Welche sicheren, wiederholbaren Signale kann ich meinem Körper geben?

Wenn du das bei dir erkennst

Wenn dein Körper immer wieder in Spannung, Unruhe, Erschöpfung oder Schmerz kippt, reicht es oft nicht, nur zu wissen, dass Stress eine Rolle spielt und man sich entspannen soll. Der Körper braucht neue, sichere und wiederholbare Erfahrungen.

Mein 6-Wochen-QiGong-Programm „Vom Nervenreiz zur Regulation“ stellt ein spezialisiertes, neurozentriertes Training dar – mit ruhiger Körperpraxis, QiGong, ausgewählten Yoga-Übungen, TCM-Wissen und neurophysiologisch verständlicher Selbstregulation, das aus meiner Erfahrung mit der Arbeit mit über 200 Frauen entstanden ist.

Häufige Fragen

Warum werden Schmerzen bei Stress und Erschöpfung schlimmer?

Stress kann den Muskeltonus erhöhen, den Schlaf leichter machen und die Kapazität des Körpers verringern, Schmerzreize zu regulieren. Wenn das Nervensystem dauerhaft unter Belastung steht, kann die Schmerzschwelle sinken. Reize werden stärker bewertet. Das ist keine Einbildung – es ist Biologie.

Was ist zentrale Sensibilisierung einfach erklärt?

Zentrale Sensibilisierung bedeutet: Das zentrale Nervensystem reagiert empfindlicher auf Reize als gewöhnlich. Die Warnschwelle sinkt. Reize, die früher wenig Reaktion ausgelöst haben, werden nun schneller als Schmerz wahrgenommen. Dieses Muster kann durch wiederkehrende Schmerzen, Schlafmangel und chronischen Stress verstärkt werden.

Was hat der Vagusnerv mit Schmerzen zu tun?

Der Vagusnerv ist Teil des autonomen Nervensystems und spielt eine wichtige Rolle dabei, wie der Körper zwischen Aktivierung und Erholung wechselt. Tendeziell reguliert er eher Entspannungsmechanismen und ist dadurch so beliebt. Wenn autonome Regulation weniger flexibel ist, kann der Körper länger in Alarmbereitschaft bleiben. Dadurch können Muskeltonus, Schlaf, Erholung und Schmerzverarbeitung beeinflusst werden.

Was sind somatische Übungen?

Somatische Übungen regulieren über Körperwahrnehmung, Atem, Bewegung und Orientierung – also über den Körper, nicht nur über den Kopf. (Soma – heißt Körper.) Statt Entspannung nur über Denken oder Willenskraft zu erzwingen, werden körperliche Signale genutzt: langsame Bewegung, ruhige Atmung, Bodenkontakt, weicher Blick und bewusste Wahrnehmung. QiGong ist eine traditionelle Form solcher Körperpraxis.

Was ist Leber-Qi-Stagnation in der TCM?

In der TCM ist die Leber für den freien Fluss von Qi und Emotionen zuständig. Dauerstress, Überarbeitung und unterdrückte Emotionen können diesen Fluss blockieren. Typische Zeichen können Spannungsschmerzen in Nacken und Schultern, Kieferverspannung, Reizbarkeit oder Schmerzen sein, die bei Stress stärker werden und sich durch Bewegung bessern.

Was bedeutet Nieren-Yin-Mangel – und hat das mit Wechseljahren zu tun?

In der TCM gelten die Nieren als tiefste Energiereserve. Das Nieren-Yin ist die kühlende, nährende Grundlage des Körpers. Ab etwa 40 kann dieses Yin schwächer werden. Das kann sich aus TCM-Sicht als leichterer Schlaf, innere Unruhe, Erschöpfung trotz Ruhe, trockeneres Gewebe oder steifere Gelenke zeigen. Westlich berührt das teilweise die Auswirkungen hormoneller Veränderungen in der Perimenopause.

Was ist der Unterschied zwischen Nozizeption und Schmerz?

Nozizeption ist die körperliche Aufnahme und Weiterleitung potenziell schädigender Reize durch spezialisierte Nervenendigungen. Schmerz ist das bewusste, subjektive Erleben, das erst durch Verarbeitung und Bewertung im Nervensystem entsteht. Nicht jeder nozizeptive Reiz wird als Schmerz erlebt – und nicht jeder Schmerz entspricht direkt einem bestimmten Gewebeschaden.

Kann QiGong bei chronischen Schmerzen helfen?

Als ruhige, rhythmische Körperpraxis kann QiGong über Atmung, Körperwahrnehmung, langsame Bewegung und Regulation ansetzen. Studien zu Mind-Body-Übungen zeigen mögliche positive Effekte bei chronischen Rückenschmerzen und stressbedingten Beschwerden. Aus TCM-Sicht kann QiGong unterstützen, „Qi-Stagnation“ zu befreien, Yin zu nähren und das Bewusstsein zu beruhigen.

Warum ist QiGong besonders für Frauen ab 40 geeignet?

Ab 40 treffen häufig hormonelle Veränderungen, Schlafveränderungen, erhöhte Stressbelastung und reduzierte Regenerationskapazität zusammen. QiGong ist sanft genug, ein erschöpftes System nicht zusätzlich zu überfordern – und gleichzeitig strukturiert genug, wiederholbare Regulationssignale zu setzen. Aus TCM-Sicht adressiert es typische Muster dieser Lebensphase: Leber-Qi-Stagnation, Nieren-Yin-Mangel und Herz-Shen-Unruhe.


Quellen und weiterführende Informationen

  • International Association for the Study of Pain: Revised Definition of Pain
  • International Association for the Study of Pain: Terminology / Nociplastic Pain
  • Raja et al. 2020: The Revised IASP Definition of Pain
  • AMBOSS: Nozizeptives System
  • Deutsche Schmerzgesellschaft: Schmerz und Psyche / Schmerz bei Frauen und Männern
  • NICE Guideline NG193: Chronic pain in over 16s
  • Martinez-Calderon et al. 2022: Mind–Body Exercises and Chronic Spinal Pain
  • Sotiropoulos et al. 2025: Qigong and Tai Chi for Chronic Low Back Pain
  • Porges, S.W.: The Polyvagal Theory (2011)

© Nathalie Sander | QiGong Renewal | qigong-renewal.com


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